Anatomie
Prof. Dr. med. Gebhard Reiss
Universität Witten/Herdecke

1. Chirurgisch relevante Anatomie

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Die Regio inguinalis (Übergang zwischen vorderer Bauchwand und unterer Extremität) besitzt mehrere Schwachstellen, über die ein Bruchsack mit oder ohne Inhalt durch die Bauchwand hindurch treten kann (Frauen neigen mehr zu Schenkelhernien, Männer mehr zu Leistenhernien). Unterhalb des Leistenbandes wird der Leistenkanal durch eine Abspaltung des Leistenband (Arcus iliopectineus) in zwei Abteilungen aufgetrennt: Die Lacuna vasorum und die Lacuna musculorum.

  • Lacuna vasorum
    Neben dem Schambein gelegen, stellt sie die Durchtrittsstelle für die A. und V. iliaca externa (→ A. und V. femoralis, Anordnung: Arterie lateral der Vene) dar. Ganz lateral tritt durch sie der R. femoralis des N. genitofemoralis. Kaudal medial finden sich hier die tiefen inguinalen Lymphknoten (Rosenmüller). Die Lacuna vasorum stellt die innere Bruchspalte für Schenkelhernien (durch das Septum femorale neben der V. femoralis) dar.
  • Lacuna musculorum
    Lateral der Lacuna vasorum gelegen, stellt sie die Durchtrittsstelle für den M. psoas major und M. iliacus (zusammen = M. iliopsoas) sowie für den N. femoralis und N. cutaneus femoralis lateralis (kranial) dar.

2. Vordere Bauchwand und Leistenkanal

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Der Leistenkanal bildet sich im Rahmen der Gonadenentwicklung beim männlichen Embryo durch Auslagerung der Hoden, welche durch das Keimdrüsenband (Gubernaculum testis) ins Skrotum gezogen werden, als röhrenförmige Struktur aus. Das bei diesem Deszensus mitgeführte Peritoneum verbleibt als Aussackung im Leistenkanal (Proc. vaginalis testis) und zieht bis zum Nebenhoden. Die Schichten der Bauchwand werden damit zu vergleichbaren Hüllen in dieser Tasche:
Fascia transversalis → Fascia spermatica interna,
M. obliquus internus abdominis → M. cremaster,
Faszie des M. obliquus externus abdominis → Fascia spermatica externa,
keine Umhüllung durch den M. transversus abdominis, da dieser weiter kranial endet.

Blutgefäße (A. und V. testicularis) sowie der Samenleiter (Ductus deferens) und Nerven (N. ilioinguinalis aus Pl. lumbalis) werden ebenfalls mit ins Skrotum gezogen und bilden den Samenstrang. Durch Obliteration des Proc. vaginalis testis schließt sich die Verbindung zur Bauchhöhle und es verbleibt typischerweise nur sein Eingang (Vestigium proc. vaginalis testis). Beim weiblichen Embryo kommt es nicht zum kompletten Deszensus der Ovarien durch den Zug des Gubernaculums, sondern diese bleiben neben dem Uterus liegen. Lediglich das Lig. teres uteri, als ehemaliges Gubernaculum, persistiert im Leistenkanal. Eine mangelhafte Obliteration des Proc. vaginalis testis stellt eine Schwachstelle der Bauchwand und den Ausgangspunkt für Leistenhernien dar.

Der Leistenkanal verläuft ca. 4 cm lang nach medio-kaudal knapp oberhalb des Leistenbandes parallel zu ihm und liegt zwischen dem Anulus inguinalis profundus, als seinem kranialen Ende, und dem Anulus inguinalis superficialis, als seiner Öffnung zur äußeren Bauchwand.

  • Anulus inguinalis profundus
    Mittig zwischen Symphyse und Spina iliaca anterior superior in der inneren Bauchwand, lateral der A./V. epigastrica inferior (in der Plica umbilicalis lateralis)
  • Anulus inguinalis superficialis
    Oberhalb des Tuberculum pubicum in der Faszie des M. obliquus externus abdominis, Oberrand nach kranial zeigend, Unterrand gebildet vom Leistenband, Seiten = Crus mediale und laterale mit intercruralen Fasern als Stabilisation.

3. Wände des Leistenkanals

  • Vorderwand
    Faszie des M. obliquus externus abdominis, lateral verstärkt durch Fasern des M. obliquus internus abdominis → Leistenband und → M. cremaster
  • Hinterwand
    Fascia transversalis, medial verstärkt durch die Falx inguinalis (= Sehne des M. transversus abdominis und M. obliquus internus abdominis)
  • Obere Wand
    M. transversus abdominis und M. obliquus internus abdominis (Faserverlauf vom Leistenband zur medialen Falx inguinalis)
  • Untere Wand
    Mediales Leistenband (= Lig. reflexum) sowie eine vom M. obliquus externus abdominis gebildete Rinne für den Samenstrang.

4. Inhalt des Leistenkanals

Beim Mann beinhaltet der Leistenkanal den Samenstrang (Funiculus spermaticus) mit dem Ductus deferens, der A. ductus deferentis (aus A. vesicalis inferior) und der A. testicularis (aus der Aorta), den venösen Plexus pampiniformis, die A./V. cremasterica, den R. genitalis des N. genitofemoralis zum M. cremaster sowie sympathische Nervenfasern und Lymphgefäße, umgeben von der Fascia spermatica interna, der Fascia cremasterica und der Fascia spermatica externa.

Bei der Frau beinhaltet der Leistenkanal das Lig. teres uteri, welches vom Uterus zum Anulus inguinalis profundus, von hier durch den Leistenkanal zum Anulus inguinalis superficialis zieht und schließlich an den Labia majora endet.

Zusätzlich finden sich Lymphgefäße. Der N. ilioguinalis verläuft teilweise im Leistenkanal.

5. Hernientypen

Bruchpforten stellen für indirekte Leistenhernien der Anulus inguinalis profundus, für direkte Leistenhernien die Fossa inguinalis medialis (medial des Anulus inguinalis profundus und der A./V. epigastrica inferior dar.

  • Indirekte Leistenhernien
    Häufiger, Männer > Frauen, angeboren (offener Proc. vaginalis testis) oder erworben (ebenfalls durch den inneren Leistenring in der Fossa inguinalis lateralis, meist Erwachsene), Bruchsack verläuft lateral der epigastrischen Gefäße und zieht bis ins Skrotum bzw. die Labia majora.
  • Direkte Leistenhernien
    Meist erworben, bei Erwachsenen Männer > Frauen, Ausstülpung des Peritoneums und der Fascia transversalis in der Fossa inguinalis medialis (= Hesselbach-Dreieck/ Trigonum inguinale, medial der A./V. epigastrica), medial begrenzt durch M. transversus abdominis, kaudal durch das Leistenband, Austritt meist durch den äußeren Leistenring → Skrotum/ Labia majora.
  • Schenkelhernien
    Meist erworben, bei Erwachsenen Frauen > Männer, durch den Canalis femoralis im medialen Oberschenkel (medial der Lacuna vasorum) zusammen mit A./V. femoralis, R. femoralis des N. genitofemoralis und Lymphgefäßen.
Perioperatives Management
Herr Dr. med. K. H. Moser
Krankenhaus Merheim

1. Indikationen

Elektiv:

  • primäre Leistenhernie bei Patientenalter > 30 Jahre mit Ausnahme kleiner lateraler Hernien
  • Rezidivleistenhernie

Notfall:

  • inkarzerierte Leistenhernie

2. Kontraindikationen

  • Absolute Inoperabilität des Patienten
  • Aufgrund der Möglichkeit, den Eingriff auch in Lokalanästhesie durchzuführen, gibt es sonst keine weiteren Kontraindikationen

3. Präoperative Diagnostik

  • Manuelle Untersuchung beim stehenden Patienten
  • Bei Männern > 50 Jahre: digital rektale Untersuchung

4. Spezielle Vorbereitung

  • Einzeichnen der entsprechenden Seite beim im Stehen untersuchten Patienten
  • Präoperativ Single-Shot Antibiotikaprophylaxe mit beispielsweise einem Cephalosporin der 2. Generation, ½ h vor dem Hautschnitt empfohlen

5. Aufklärung

  • Rezidiv
  • Serom
  • Hämatom
  • Wundheilungsstörung
  • Infektion
  • Netzinfekt
  • Gefäß- und Nervenverletzung
  • (Nach-)Blutung
  • Chronischer Leistenschmerz, z.B. Ilioinguinalis-Syndrom
  • Verletzung des Samenstrangs
  • Hodenatrophie
  • Folgeeingriff
  • Darmresektion
  • Letalität

6. Anästhesie

7. Lagerung

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  • Rückenlage
  • beide Arme ausgelagert

8. OP-Setup

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  • Operateur steht auf der zu operierenden Seite
  • 1. Assistenz steht auf der Gegenseite
  • ebenso die instrumentierende OP- Pflegekraft; sie hat den Instrumententisch am Fußende auf der Seite des Operateurs platziert.

9. Spezielle Instrumentarien und Haltesysteme

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  • Grundsieb
  • Lichtenstein-Netz

Das Prinzip des Lichtenstein-Verfahrens beruht auf konventioneller Präparation, Reposition des Bruchsacks und spannungsfreier Augmentation der Leistenregion mittels eines Meshs, das bestimmte Anforderungen erfüllen sollte:

  • Es sollte eine Mindestlänge von 12 cm haben.
  • Die beiden Flaps, die den Samenstrang umschließen, sollten mindestens 5 cm lang sein.
  • Beim Umschlingen des Samenstrangs darf dieser nicht durch das Netz eingeengt werden.
  • Das Mesh darf am neu geschaffenen, inneren Leistenring nicht weiter einreißen.

Bei dem im Filmbeispiel verwendeten Netz handelt es sich um das DynaMesh®-Lichtenstein, das besondere Merkmale aufweist (s. Abb.):

  • Es hat eine elastische Sicherheitszone (A), die eine faltenfreie Netzausbreitung erleichtert.
  • Die Schlitzkonfiguration (B) ermöglicht eine Tunnelmodulation, die bei korrekter Handhabung des Netzes sowohl die Einengung des Samenstrangs als auch Netzrupturen verhindert.
  • Es weist glatt gewirkte, atraumatische Kanten auf (C ), die Arrosionen am Samenstrang und postoperative Schmerzen reduzieren.

Es besteht zu 100 % aus PVDF (Polyvinylidenfluorid), einem Hochleistungspolymer, das dem Netz eine dauerhafte Oberflächenbeschaffenheit und Fadenstabilität verleiht. Im Gegensatz zu Polypropylen-Netzen weisen PVDF-Netze eine geringere Bakterienadhärenz auf und führen zu einer geringeren Fremdkörperreaktion.

Die Klebefixation von Netzen in der offenen und laparoskopischen Technik der Hernienversorgung kann mit Fibrinkleber oder auch synthetischen Gewebeklebern erfolgen. Im Filmbeispiel wird Glubran®2 verwendet, ein aus Cyanoacrylat bestehender Einkomponenten-Kleber mit hoher Gewebehaftung und ausgeprägten hämostatischen Eigenschaften.

10. Postoperative Behandlung

Postoperative Analgesie:
Nicht-steroidale Antirheumatika sind in der Regel ausreichend, ggf. kann eine Steigerung mit opioidhaltigen Analgetika erfolgen.
Folgen Sie hier dem Link zu PROSPECT (Procedures Specific Postoperative Pain Management)
Folgen Sie hier dem Link zu den aktuellen Leitlinien: www.uni-duesseldorf.de/AWMF/ll/041-001.htm
Medizinische Nachbehandlung:
Postoperativ kann für wenige Stunden ein Sandsack auf die Hernienseite gelegt werden, ggf. Entfernen der Redondrainage am 1. oder 2. postoperativen Tag.
Thromboseprophylaxe:
Bei fehlenden Kontraindikationen sollte aufgrund des mittleren Thrombembolierisikos (operativer Eingriff > 30 Minuten Dauer) neben physikalischen Maßnahmen niedermolekulares Heparin in prophylaktischer ggf. in gewichts – oder dispositionsrisiko-adaptierter Dosierung bis zum Erreichen der vollen Mobilisation verabreicht werden.
Zu beachten: Nierenfunktion, HIT II (Anamnese, Thrombozytenkontrolle)
Folgen Sie hier dem Link zu den aktuellen Leitlinien: www.uni-duesseldorf.de/AWMF/ll/003-001.htm
Mobilisation:
Sofort; schrittweises Wiederaufnehmen der körperlichen Belastung; beschwerde-adaptierte Vollbelastung nach einer Woche möglich; nach spätestens 4-6 Wochen können alle Tätigkeiten wieder aufgenommen werden.
Krankengymnastik:
Atemgymnastik zur Pneumonieprophylaxe nur bei bettlägerigen Patienten nötig.
Kostaufbau:
sofort
Stuhlregulierung:
ggf. Laxantien ab dem 2. postoperativen Tag
Arbeitsunfähigkeit:
1-2 Wochen

Durchführung
Herr Dr. med. K. H. Moser
Krankenhaus Merheim
Muster-OP-Bericht
Leistenhernienreparation, Lichtenstein, nahtlose Netzfixation mit Kleber (Glubran®2)

Muster OP-Bericht

1. Prinzip

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Verstärkung der Hinterwand des Leistenkanals durch Einbringen eines Netzes zwischen Externusaponeurose und Internusmuskulatur.

2. Inguinaler Zugang

http://vimeo.com/84172302
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Es erfolgt ein ca. 4 cm langer, quer verlaufender Hautschnitt (gestrichelte Linie) 2 Querfinger oberhalb des Tuberculum pubicum; alternativ eine schräg verlaufende Hautinzision 2 Querfinger oberhalb des Leistenbandes. Hiernach Durchtrennung der Subkutis bis auf die Externus-Aponeurose.

3. Spaltung der Externus-Aponeurose

http://vimeo.com/84173322
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Die Externus-Aponeurose wird unter Einschluss des äußeren Leistenrings faserparallel eröffnet. Die Faszienränder werden stumpf mobilisiert, lateral bis zum Unterrand des Leistenbandes.

Achtung: Auf dem M. obliquus internus liegt der N. iliohypogastricus!

4. Darstellen und Anschlingen des Samenstrangs

http://vimeo.com/84173865
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Der Samenstrang wird überwiegend stumpf von der darunterliegenden Fascia transversalis abgelöst, mit einer Overholtklemme unterfahren und angezügelt. Darstellung des Tuberculum pubicum, das eine wichtige anatomische Landmarke bei der späteren Netzplatzierung darstellt.

5. Präparation des Bruchsacks

http://vimeo.com/84174388
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Der Bruchsack wird vom Samenstrang abpräpariert. Dabei erkennt man, dass die Bruchlücke in der Fascia transversalis medial der epigastrischen Gefäße lokalisiert ist. Im Filmbeispiel wird die Fascia transversalis eröffnet (im Regelfall nicht zwingend erforderlich!) und der Bruchsack soweit mobilisiert, bis er in toto unter das Faszienniveau versenkt werden kann.

6. Bruchsackversorgung

http://vimeo.com/84174535
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Der breitbasige direkte Bruchsack wird mit einem Stieltupfer unter das Faszienniveau versenkt. Mittels einer medial beginnenden, fortlaufenden Prolene-Naht wird die kraniale Lefze der gespaltenen Transversalisfaszie am Unterrand des Leistenbandes fixiert.

Bemerkung: Dieses Vorgehen stellt eine Möglichkeit dar, den Bruchsack sicher zu reponieren. Im Normalfall ist eine Situationsnaht an der Bruchsackbasis ohne Eröffnung der Faszia transversalis ausreichend.

7. Anpassen und Zuschneiden des Netzes

http://vimeo.com/84174754
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Patientengerechtes Zuschneiden des Lichtenstein-Netzes.

8. Einbringen des Lichtenstein-Netzes und Klebefixierung

http://vimeo.com/84175469
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Bei der Netzplatzierung muss der Schambeinhöcker medial mindestens 2 cm vom Netz überragt werden, da hier die meisten Rezidive entstehen. Zur Neubildung des inneren Leistenringes wird die kraniale Lefze des Netzes über die kaudale gelegt. Ist das Netz korrekt platziert, kann es durch tropfenweises Auftragen des Klebers fixiert werden.

9. Verschluss der Externus-Aponeurose; Wundverschluss

http://vimeo.com/84175397
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Die Externus-Aponeurose wird mit einer fortlaufenden Naht verschlossen. Nach Instillation eines Lokalanästhetikums Subkutannaht, Hautverschluss fortlaufend intrakutan.
Je nach Situs kann eine Redondrainage eingelegt werden.

Komplikationen
Herr Dr. med. K. H. Moser
Krankenhaus Merheim

1. Intraoperative Komplikationen

  • Irritation, Einengung oder Verletzung inguinaler Nerven mit postoperativ persistierenden Schmerzen (Ileoinguinalis-Syndrom, Ramus-genitalis-Syndrom)
    Bei der Präparation kann es zu einer Verletzung oder Durchtrennung der Nerven kommen. Insbesondere gefährdet sind hierbei: der N. cutaneus femoris lateralis, N. ilioinguinalis, N. iliohypogastricus, R. genitalis und der R. femoralis des N. genitofemoralis.
    Bei akzidenteller Durchtrennung der Nerven sollten diese reseziert und postoperativ mit Lokalanästhetika infiltriert werden, da dies das Risiko von postoperativen Missempfindungen mindert.
    Sind die Nerven nur touchiert oder irritiert, kann es postoperativ zu Missempfindungen kommen, auch hier kann die Injektion von Lokalanästhetika hilfreich sein.
  • Verletzung des Ductus deferens
    Kommt es zu einer Verletzung des Ductus deferens, so sind für das weitere Vorgehen folgende Aspekte entscheidend: Wurde der D. deferens komplett oder nur partiell durchtrennt? Wie alt ist der Patient? Besteht ein Zeugungswunsch des Patienten?
    Bei sexuell inaktiven älteren Patienten kann der Ductus deferens ggf. durchtrennt werden. In jedem Fall muss der Patient postoperativ darüber aufgeklärt werden, was passiert ist und welche Folgen dies für ihn hat.
  • Darmverletzung
    Kommt es intraoperativ zu einer akzidentellen iatrogenen Darmläsion, sollte diese sofort übernäht werden.
  • Verletzung der A. femoralis und arterielle Blutung
    Eine arterielle Blutung aus der A. femoralis führt in kurzer Zeit zu einem massiven Blutverlust mit klinischem Volumenmangelschock. Die Blutung ist zu detektieren und die Blutungsquelle zu übernähen.
  • Blasenverletzung
    Kommt es zu einer Verletzung der Blase, muss die verletzte Stelle übernäht werden. Postoperativ wird die Blase für 7-10 Tage durch einen suprapubischen Fistelkatheter (SPFK) entlastet.

2. Postoperative Komplikationen

  • Hämatom
    Definition: Einblutung oder Nachblutung im Wundbereich
    Klinik: druckdolente und verfärbte Schwellung
    Diagnostik: Sonographie und Ausschluss systemischer Ursachen (z.B. Gerinnungsstörungen)
    Therapie: Kleinere Hämatome sind zu beobachten und bedürfen meist keiner weiteren Therapie.
    Größere Hämatome sollten punktiert oder ausgeräumt werden. Starke Nachblutungen müssen operativ revidiert werden.
  • Serom
    Definition: im Wundbereich befindliche Hohlräume, die mit Lymphe und Wundsekret gefüllt sind.
    Klinik: Schwellung, die nicht druckdolent oder verfärbt ist.
    Diagnostik: Sonographie
    Therapie: Kleine postoperative Serome werden vom Gewebe resorbiert und bedürfen lediglich der Kontrolle. Sollte die Größe des Seroms zu klinischen Symptomen führen, kann im Einzelfall eine Punktion (absolut steril!) durchgeführt werden. Ansonsten ist eine Kontrolle und Befundbesprechung ausreichend. Bei Rezidivseromen sollte nicht mehrfach punktiert, sondern dann eine sonographisch-kontrollierte Drainage eingelegt und für einige Tage konsequent abgeleitet werden. Gleiches gilt für den seltenen Fall, wenn sich aus dem Serom eine Infektion entwickeln sollte.
  • Infektion und Wundheilungsstörung
    Definition: Infektion einer Wunde durch Mikroorganismen.
    Klinik: die 5 Kardinalsymptome der Entzündung (Rubor, Calor, Dolor, Tumor, functio laesa).
    Therapie: Öffnen und Spreizen der Wunde, ausgiebige Reinigung und anschließend offene Wundbehandlung, systemische Antibiotikatherapie.
  • Netzinfekt
    Postoperativ auftretende Netzinfekte sind oftmals konservativ schwer therapierbar, daher muss im Extremfall das Netz in einem Revisionseingriff entfernt und die Bruchlücke ohne Fremdmaterial verschlossen werden.
  • Verletzung der V. femoralis und nachfolgende Thrombose
    Bei einer iatrogenen Venenschädigung und nachfolgender Thrombose der V. femoralis im OP-Gebiet handelt es sich um eine Thrombose der Beckenetage.
    Diagnostik: Duplex- und Dopplersonographie oder Phlebographie
    Therapie der tiefen Beinvenenthrombose: Kompression, Mobilisierung, Vollheparinisierung (cave Nachblutungsgefahr!).
  • Einengung oder Durchtrennung der Vasa spermatica, postoperative Hodenschwellung
    Bei postoperativer Hodenschwellung wird der Hoden minder perfundiert. In der Folge kann es zum Verlust des Hodens kommen. Es muss daher offen revidiert werden, um den venösen Abfluss zu verbessern.
  • Hodenatrophie
    Definition: Irreversible Schädigung des Epithels der Hodenkanälchen mit nachfolgender Aufhebung der Spermatogenese.
    Klinik: Zunächst Schwellung und Erwärmung, später Schrumpfung und Dysästhesie.
    Diagnostik: Sonographie, urologisches Konsil
    Therapie: Es ist keine sinnvolle Therapie bekannt.
  • Rezidiv
    Definition: neu aufgetretene Leistenhernie nach vorangegangener, operativ versorgter Leistenhernie.
    Klinik und Diagnostik entsprechen der Leistenhernie.
    Therapie: Operative Versorgung mit Netzeinlage, am ehesten als TAPP oder TEP.
  • Unbemerkte Darmläsion
    Klinik: Patient erholt sich nicht von der Operation, Bauchschmerzen, Übelkeit, Abwehrspannung, Peritonitiszeichen.
    Therapie: Reoperation mit Detektion der Darmläsion und Übernähung, ggf. Resektion und abdominelle Lavage sowie bei bestehender Peritonitis antibiotische Behandlung für mindestens 1 Woche.
  • Postoperative Darmparese
    Therapie: Einsatz prokinetischer Substanzen wie Metoclopramid, Prostigmin.
  • Mechanischer Ileus
    Klinik: Geblähtes Abdomen, radiologisch Spiegel, laborchemisch Laktaterhöhung bei zusätzlicher Ischämie, ggf. Zeichen der Durchwanderungsperitonitis.
    Therapie: Reoperation, Detektion der Ursache, Behebung der Ursache.
Evidenz
PD Dr. med. Stefan Sauerland
Universität Witten/Herdecke

1. Zusammenfassung der Literatur

Die operative Versorgung einer Leistenhernie (uni- oder bilateral) in Lichtenstein-Technik bietet gegenüber den offenen Naht-Techniken (insbesondere Shouldice) beim Erwachsenen folgende Unterschiede:

  • niedrigere Rezidivraten (↑↑ [6; 8; 11; 12; 15; 21 ])
  • wohl etwas kürzere Operationszeiten (↑↑ [6; 12; 15; 20; 21])
  • postoperativ vielleicht etwas weniger, langfristig aber wohl vergleichbare Schmerzen (↑↑ [3; 11; 13; 18; 20-22])
  • vielleicht etwas schnellere Rekonvaleszenz (↑↑ [3; 6; 18; 21])
  • vergleichbare Wundinfektraten (↑↑ 21)
  • Durchführbarkeit in Lokalanästhesie (↑↑ 11)
  • höhere Kosten aufgrund des Netzes (↑ 18)

Zum Vergleich der Lichtenstein-Technik mit anderen Verfahren siehe jeweils dort: Leistenhernie mit Rutkow-Plug,TAPP und TEP.

Es wurden schwer- und leichtgewichtige Netze (100 bzw. 30 g/m2) verglichen. Die leichtgewichtigen Netze führen zu:

  • weniger Fremdkörpergefühl in der Leiste (↑ [5; 19])
  • tendenziell weniger chronischen Leistenschmerzen (↑ [5; 19])
  • vergleichbaren Rezidivraten (↑ 5)

Ferner wurden verschiedene Netzmaterialien untersucht. Im Vergleich zwischen Prolene®, Vypro II®, Premilene® oder Surgisis® fanden sich:

  • keine relevanten Unterschiede im perioperativen Verlauf (↑↑ [1; 4; 17])

Zur Netzfixierung wurden Nähte, Kleber, Hautstaples und Spiraltacks untersucht. Man fand:

  • nach Klebung des Netzes vielleicht etwas weniger postoperative Schmerzen (↑ [9; 10; 16])
  • mit Tackern oder Klammern eine etwas verkürzte OP-Zeit (↑ [7; 14])
  • insgesamt vergleichbare Rezidivraten (↑ [7; 9; 10; 14; 16])

Eine routinemäßige Antibiotika-Prophylaxe bei der Operation nach Lichtenstein führt zu:

  • wohl keiner Reduktion der Wundinfektrate (↑ 2)

3. Literatur zu diesem Thema

1. Ansaloni L, Catena F, D’Alessandro L. Prospective randomized, double-blind, controlled trial comparing Lichtenstein’s repair of inguinal hernia with polypropylene mesh versus Surgisis gold soft tissue graft: preliminary results. Acta Biomed Ateneo Parmense 2003; 74 Suppl 2: 10-4.

2. Aufenacker TJ, van Geldere D, van Mesdag T, Bossers AN, Dekker B, Scheijde E, van Nieuwenhuizen R, Hiemstra E, Maduro JH, Juttmann JW, Hofstede D, van der Linden CT, Gouma DJ, Simons MP. The role of antibiotic prophylaxis in prevention of wound infection after Lichtenstein open mesh repair of primary inguinal hernia: a multicenter double-blind randomized controlled trial. Ann Surg 2004; 240: 955-61.

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