Im demonstrierten Fall erfolgt die Komplettierungs-Operation zur totalen Thyreoidektomie wegen eines suspekten Schilddrüsenknoten im linken Lappen, nachdem die Patientin vor Jahren wegen eines 1 cm großen papillären Schilddrüsenkarzinoms rechtsseitig hemithyreoidektomiert worden war.
Die hier beschriebene OP kann bei benignen, suspekten oder malignen Schilddrüsenveränderungen indiziert sein:
- Knoten mit sonographischen Merkmalen eines höheren Malignitätsrisikos (EU-TIRADS [European Thyroid Imaging and Reporting Data System] Kategorie 4 - 5)
LINK TIRADS
- Bei einem positiven oder verdächtigen Feinnadelpunktionsergebnis mit follikulärer Neoplasie oder V.a. Malignität in der Zytologie (ab Bethesda Stadium 3/4)
LINK Bethesda
- Unklarer Knoten nach Bestrahlung der Halsregion oder Strahlenexposition
- Autonomie
- Papilläres und follikuläres Schilddrüsenkarzinom T1a bis T4
Bemerkung 1
Das follikuläre Schilddrüsenkarzinom FTC ist ein Schilddrüsenmalignom, das von Follikelzellen ausgeht, die nicht die charakteristischen Kernkriterien des papillären Schilddrüsenkarzinoms zeigen. Die Tumoren sind üblicherweise gekapselt und zeigen im Gegensatz zum Adenom invasives Wachstum in Form eines vollständigen Kapseldurchbruchs. Bei einem minimal-invasiven Tumor ohne oder mit nur geringem Nachweis einer Angioinvasion und einer Größe <4 cm ist eine primäre oder sekundäre totale Thyreoidektomie nicht erforderlich.
Bemerkung 2
Klinisch, prognostisch und therapeutisch müssen Tumoren mit einer multifokalen, aggressiven oder metastasierenden Tumorbiologie von Tumoren mit niedrigem Risiko unterschieden werden.
Bei den differenzierten Schilddrüsenkarzinomen wird die primäre oder sekundäre totale Thyreoidektomie auch bei Fernmetastasierung empfohlen, insbesondere um eine postoperative Radiojod-Therapie zu ermöglichen.
Bei einem organkapselüberschreitendem T4a Tumor sollte grundsätzlich eine Zervikoviszeralresektion in Erwägung gezogen werden.
LINK TNM
- Gering differenziertes Schilddrüsenkarzinom (PDTC, poorly differentiated thyroid carcinoma)
wurde erstmals 2004 durch die WHO als eigenständige Entität definiert, die prognostisch zwischen den differenzierten und undifferenzierten Karzinomen stehen. Auch bei einer Fernmetastasierung soll eine komplette Tumorresektion mit totaler Thyreoidektomie und postoperativer Radiojod-Therapie durchgeführt werden. Dabei ist die Radiojod-Aufnahme oft eingeschränkt.
- undifferenziertes (anaplastische) Karzinome (UTC) (T4a N0/1 M0/1).
- Falls resektabel Thyreoidektomie als radikale Tumorresektion bei bilateralem Befall plus multimodale Therapie LINK TNM
- Falls resektabel Thyreoidektomie als radikale Tumorresektion bei bilateralem Befall plus multimodale Therapie LINK TNM
Medulläres Schilddrüsencarcinom
- Das medulläre Schilddrüsenkarzinom („medullary thyroid carcinoma“, MTC) betrifft ca. 5 % aller Schilddrüsenkarzinome und ist durch einige Besonderheiten gekennzeichnet: Die deutlich häufigeren, differenzierten Schilddrüsenkarzinome (DTC) gehen von den Schilddrüsenhormon-produzierenden Zellen selbst aus und nehmen daher Jod auf. Dagegen leitet sich das MTC von den Calcitonin-produzierenden C-Zellen ab. Diese liegen zwischen den Hohlraumstrukturen des Schilddrüsengewebes und nehmen kein Jod auf. Damit entfällt auch die Möglichkeit einer klassischen Radiojodtherapie.
- Das MTC sezerniert Calcitonin (Ctn) und Carcinoembryonales Antigen (CEA). Es kann nur durch eine Operation geheilt werden. In ca. 75% kommt es sporadisch und in ca. 25 % hereditär meist im Rahmen der multiplen endokrinen Neoplasie Typ 2 (MEN2) in Assoziation mit Phäochromozytomen und/ oder primärem Hyperparathyreoidismus vor. Bei MEN2-Verdacht soll vor der Operation zum Ausschluss bzw. Nachweis eines Phäochromozytoms oder Hyperparathyreoidismus eine entsprechende Diagnostik (Plasma-, Urin-Metanephrine, Serumkalzium, Parathormon) durchgeführt werden.
- Bei biochemisch nachgewiesenem MTC (bei Frauen ab 30 pg/ml, bei Männern ab 60 pg/ml Calcitonin) wird eine totale Thyreoidektomie empfohlen, da auch 10% der sporadischen MTCs multifokal (bilateral) auftreten.
- Totale Thyreoidektomie + zentrale (Level VI) Lymphknotendissektion ist Standard.
- Prospektive Daten der Arbeitsgruppe Machens/Dralle (Halle/Saale) zeigen eine kontinuierliche, nahezu linear ansteigende Korrelation zwischen dem präoperativen basalen Calcitoninwert und der Wahrscheinlichkeit zervikaler Lymphknotenmetastasen beim medullären Schilddrüsenkarzinom. Die Metastasierung folgt dabei einem typischen, anatomisch sequenziellen Ausbreitungsmuster: zunächst in das zentrale Kompartiment (Level VI), anschließend in das ipsilaterale laterale Kompartiment (Level II–V), danach in das kontralaterale Kompartiment und schließlich in das obere Mediastinum.
Oberhalb eines basalen Calcitoninwertes von etwa 200 pg/ml überschreitet die Prävalenz kontralateraler laterozervikaler Lymphknotenmetastasen in der publizierten Kohorte die Schwelle von rund 20 %. Diese Prävalenz wird als chirurgisch relevant eingestuft, weil sie das Risiko verbleibender okkulter Metastasen bei alleiniger ipsilateraler Dissektion deutlich erhöht und damit die Wahrscheinlichkeit eines persistierenden oder rezidivierenden Calcitoninanstiegs nach Erstoperation steigt.
Auf dieser Datenbasis empfiehlt die deutsche S3-Leitlinie Schilddrüsenkarzinom 2025 ab einem basalen Calcitonin > 200 pg/ml die prophylaktische bilaterale laterale Kompartmentdissektion (Level II–V beidseits) – unabhängig vom sonographischen Befund. Begründet wird dies durch das hohe Risiko subklinischer kontralateraler Metastasen, die durch konventionelle Bildgebung nicht zuverlässig detektiert werden, sowie durch die deutlich höhere Morbidität und niedrigere Kurationsrate sekundärer Eingriffe im voroperierten Halsbereich.
Bemerkung: In den internationalen Leitlinien wird die prophylaktische laterale Dissektion nicht an feste Calcitonin-Cutoffs gekoppelt, sondern prinzipiell im Zusammenhang mit bildgebenden und intraoperativen Befunden bewertet. - Bei V.a. MTC im Rahmen der MEN2 soll eine Keimbahnanalyse des RET-Gens durchgeführt werden, der molekulargenetische Nachweis einer aktivierenden pathogenen Keimbahn-Variante des RET-Gens ist beweisend für ein MEN2 Syndrom. Alle Betroffenen mit MTC sollten eine genetische Beratung erhalten.
- Bei erst postoperativ diagnostiziertem MTC ohne Thyreoidektomie oder LKD und Fehlen besonderer Risikofaktoren (R1/R2-Resektion, High-grade-MTC, DPL > 5 %, kapselüberschreitendes Wachstum, multifokal, nodal positiv, hereditär) ist bei postoperativem negativem/normal niedrigem Ctn keine Komplettierungsoperation indiziert.
Nodal positive SD-Karzinome
- Bei nodal-positiven SD-Karzinomen stellt die totale Thyreoidektomie mit Dissektion der ersten LK-Station im sog. zentralen Kompartment das Verfahren der Wahl dar.
- Das zentrale Kompartment umfasst den anatomischen Raum zwischen den Karotiden beider Seiten als lateraler Begrenzung, dem Zungenbein kranial und der V. brachiocephalica kaudal.
- Die organbezogenen Bestandteile des zentralen Halsbereichs sind die beiden Schilddrüsenlappen, die kurze gerade Halsmukulatur (M. sternohyoideus, M. sternothyreoideus) und die zentralen LK (prä- und paratracheal, prälaryngeal).
- Beim nodal-positiven PTC und beim MTC stellt die totale Thyreoidektomie mit zentraler Lymphknotendissektion den Standard dar.