Nebennierentumoren umfassen ein breites Spektrum gutartiger und bösartiger Veränderungen, die sowohl die Morphologie als auch die hormonelle Funktion der Nebenniere betreffen können. Ziel der Diagnostik ist die präzise Zuordnung morphologischer und funktioneller Veränderungen, um eine fundierte therapeutische Entscheidung zu ermöglichen.
Die Diagnostik basiert auf einer Kombination aus klinischer Evaluation, endokrinologischer Labordiagnostik sowie bildgebenden Verfahren.
Klinische Untersuchung
Die Basisdiagnostik umfasst eine sorgfältige Anamnese und körperliche Untersuchung. Dabei sind insbesondere die Bestimmung von Blutdruck und Herzfrequenz obligate Bestandteile, da viele Nebennierentumoren mit kardiovaskulären Veränderungen einhergehen.
Grundsätzlich sollte jede Raumforderung der Nebenniere auf eine mögliche Hormonaktivität untersucht werden. Hierzu zählen insbesondere:
- Katecholamine
- Aldosteron
- Cortisol
- Sexualhormone und deren Vorstufen
Klinische Leitsymptome
Die Symptomatik richtet sich nach der hormonellen Aktivität des Tumors:
- Phäochromozytom:
Schwere oder therapierefraktäre Hypertonie, anfallsartige Kopfschmerzen, Palpitationen und vegetative Symptome - Cushing-Syndrom (Hyperkortisolismus):
Stammfettsucht, „Mondgesicht“, „Stiernacken“, Striae rubrae, Hirsutismus und Plethora
Ein Screening auf primären Hyperaldosteronismus (PHA) sollte insbesondere bei arterieller Hypertonie oder Hypokaliämie erfolgen.
Labordiagnostik und hormonelle Abklärung
Die hormonelle Diagnostik ist ein zentraler Bestandteil der Abklärung jedes Nebennierentumors.
Autonome Cortisolsekretion
Als initiales Screeningverfahren bei Verdacht auf eine autonome Cortisolsekretion dient der Dexamethason-Hemmtest.
- Anhand des supprimierten Serumcortisols erfolgt die Einteilung in:
- nichtfunktionellen Tumor
- (mögliche) autonome Cortisolsekretion
- Werte > 5 ng/dl sprechen für eine gesicherte autonome Cortisolsekretion
Zur Diagnosesicherung ist zusätzlich ein niedriges oder supprimiertes ACTH (< 10 pg/ml) erforderlich, um eine ACTH-abhängige Ursache (hypophysär oder ektop) auszuschließen.
Phäochromozytom
Die Diagnostik umfasst die Bestimmung von:
- Metanephrinen im Plasma oder
- fraktionierten Metanephrinen im 24-Stunden-Sammelurin
Bei grenzwertigen Befunden kann ein Clonidin-Suppressionstest durchgeführt werden.
Zusätzlich kann 3-Methoxytyramin im Plasma als Marker für dopaminerge Tumoren und insbesondere bei Verdacht auf eine SDHB-Mutation dienen. Dies ist vor allem bei Tumoren > 5 cm relevant, da hier ein erhöhtes Metastasierungsrisiko besteht.
Primärer Hyperaldosteronismus (Conn-Syndrom)
Der primäre Hyperaldosteronismus ist durch eine autonome, reninunabhängige Aldosteronsekretion gekennzeichnet.
- Screening erfolgt mittels Aldosteron-Renin-Quotient (ARQ)
- Blutentnahme standardisiert morgens nach 5–15 Minuten Sitzen
Bei pathologischem Screening ist ein Bestätigungstest erforderlich, z. B.:
- Kochsalzinfusionstest (2 l NaCl 0,9 % i.v. über 4 Stunden)
- Gesunde: Suppression des Aldosterons
- PHA: fehlende Suppression
Der Einfluss antihypertensiver Medikation auf das Renin-Angiotensin-Aldosteron-System (RAAS) muss bei der Interpretation berücksichtigt werden.
Sexualhormonproduzierende Tumoren
Bei klinischem Verdacht (z. B. Hirsutismus, Gynäkomastie), Tumorgröße > 4 cm oder bildmorphologischem Verdacht auf ein Karzinom sollten folgende Parameter bestimmt werden:
- DHEA / DHEA-S
- Androstendion
- 17-α-Hydroxyprogesteron
- Testosteron (bei Frauen)
- 17β-Östradiol (bei Männern und postmenopausalen Frauen)
Bemerkung: Etwa 60–80 % der adrenokortikalen Karzinome sind hormonell aktiv, am häufigsten mit Produktion von Cortisol und/oder Androgenen.
Humangenetische Diagnostik
Bei Patienten mit Phäochromozytom wird gemäß aktuellen Leitlinien eine genetische Testung unabhängig von Alter, Tumoranzahl oder Lokalisation empfohlen.
Das Phäochromozytom gilt als Indikatorläsion für hereditäre Tumorsyndrome:
- ca. 12 % bei unilateralen Tumoren
- bis zu 30 % bei bilateralen Tumoren, jungen Patienten oder positiver Familienanamnese
Bildgebende Diagnostik
Computertomographie (CT)
Die CT ist das primäre bildgebende Verfahren zur Beurteilung von Nebennierentumoren.
Sie ermöglicht:
- Größenbestimmung
- Dichteanalyse (Hounsfield-Einheiten, HU)
- Beurteilung von Infiltration und Metastasierung
Nativ-CT
Das Nativ-CT stellt den ersten diagnostischen Schritt dar.
- Läsionen mit < 10 HU sind mit hoher Wahrscheinlichkeit lipidreiche Adenome
- Sensitivität ca. 70 %
- Spezifität ca. 95 %
Kontrastmittel-CT
Bei unklaren Befunden erfolgt eine ergänzende kontrastmittelgestützte Untersuchung.
- Beurteilung des Washout-Verhaltens nach 10–15 Minuten
- Adenome: schneller Washout
- Maligne Tumoren: verzögerter Washout
Magnetresonanztomographie (MRT)
Die MRT, insbesondere die Chemical-Shift-Bildgebung (In-Phase-/Out-of-Phase-Technik), dient der weiteren Charakterisierung.
- Lipidreiche Adenome zeigen Signalverlust in der Out-of-Phase-Sequenz
- Maligne Tumoren, Metastasen und Phäochromozytome zeigen typischerweise keinen Signalverlust
Staging
Zur Metastasensuche sollte die Diagnostik ergänzt werden durch:
- CT oder MRT des Abdomens
- CT des Thorax
Nuklearmedizinische Diagnostik
MIBG-Szintigrafie
Die MIBG-Szintigrafie ist spezifisch für Phäochromozytome, jedoch limitiert bei SDHB-Mutationen.
Indikationen:
- junge Patienten
- große Tumoren
- Verdacht auf Metastasierung
- multifokale oder extraadrenale Tumoren
- hereditäre Syndrome
Zusätzlich kann sie zur Planung einer Radionuklidtherapie genutzt werden.
PET/CT
Die 18F-FDG-PET/CT ist das wichtigste funktionelle Verfahren bei malignitätsverdächtigen Tumoren.
Indikationen:
- unklare Inzidentalome > 4 cm
- Verdacht auf Metastasen
- Verdacht auf adrenokortikales Karzinom
- SDHB-assoziierte Phäochromozytome
Sie ermöglicht ein Ganzkörper-Staging (mit Ausnahme des Gehirns, hierfür ist ein MRT erforderlich).
Bei Verdacht auf hereditäre Phäochromozytome ist die 18F-DOPA-PET/CT aufgrund hoher Spezifität besonders geeignet.
Adrenales Venensampling (AVS)
Das AVS dient der funktionellen Lateralisierung beim primären Hyperaldosteronismus, um eine gezielte operative Therapie zu ermöglichen und unnötige Adrenalektomien zu vermeiden.
Bei eindeutiger bildgebender Lokalisation und insbesondere bei jungen Patienten kann in Einzelfällen auf ein AVS verzichtet werden.
Biopsie
Eine Punktionsbiopsie von Nebennierentumoren wird grundsätzlich nicht empfohlen.
Ausnahmen bestehen bei:
- Verdacht auf Nebennierenmetastase
- bekannter maligner Grunderkrankung
- unklarer Bildgebung
Gründe gegen eine Biopsie:
- fehlende sichere Differenzierung zwischen Adenom und Karzinom
- Risiko der Tumorzellverschleppung
Wichtig: Vor jeder Biopsie muss biochemisch ein Phäochromozytom ausgeschlossen werden, da sonst lebensbedrohliche Komplikationen auftreten können.
Zusammenfassung
Die Diagnostik von Nebennierentumoren erfordert ein strukturiertes Vorgehen mit Kombination aus klinischer Beurteilung, hormoneller Abklärung und moderner Bildgebung. Ziel ist die sichere Differenzierung zwischen benignen und malignen sowie hormonaktiven und hormoninaktiven Läsionen, um eine adäquate Therapieplanung zu ermöglichen.
Diagnostik von Nebennierentumoren – Übersicht
1. Klinische und hormonelle Diagnostik
Fragestellung | Methode | Ziel / Interpretation |
|---|
Hormonaktivität allgemein | Basislabor + klinische Beurteilung | Nachweis funktioneller Tumoren |
Hyperkortisolismus | Dexamethason-Hemmtest | > 5 ng/dl Cortisol → autonome Sekretion |
| | ACTH-Bestimmung | Niedrig → ACTH-unabhängig |
Phäochromozytom | Plasma-Metanephrine oder 24h-Urin | Sensitiver Nachweis |
| | ggf. Clonidin-Test | Bei grenzwertigen Befunden |
| | 3-Methoxytyramin | Hinweis auf SDHB-Mutation |
Primärer Hyperaldosteronismus | Aldosteron-Renin-Quotient | Screening-Test |
| | Kochsalzinfusionstest | Bestätigung |
Sexualhormone | DHEA-S, Androgene, Östrogene | V. a. bei klinischem Verdacht oder Tumor > 4 cm |
2. Bildgebende Diagnostik
Verfahren | Befund | Interpretation |
|---|
Nativ-CT | < 10 HU | Wahrscheinlich Adenom |
| | > 20 HU | Malignitätsverdacht |
Kontrastmittel-CT | Schneller Washout | Benigne Läsion |
| | Verzögerter Washout | Maligne Läsion |
MRT (Chemical Shift) | Signalverlust (Out-of-Phase) | Lipidreiches Adenom |
| | Kein Signalverlust | Malignom / Metastase / PC |
CT Thorax | Metastasensuche | Bestandteil Staging |
3. Nuklearmedizinische Diagnostik
Verfahren | Indikation | Besonderheit |
|---|
MIBG-Szintigrafie | Phäochromozytom | Spezifisch, aber limitiert bei SDHB |
FDG-PET/CT | Malignitätsverdacht | Hohe Sensitivität |
DOPA-PET/CT | Hereditäres PC | Hohe Spezifität |
4. Spezialdiagnostik
Verfahren | Indikation | Ziel |
|---|
AVS (Venensampling) | Primärer Hyperaldosteronismus | Seitenlokalisation |
Genetik | Phäochromozytom | Nachweis hereditärer Syndrome |
Biopsie | Seltene Einzelfälle | V. a. Metastasenverdacht |
Diagnostischer Algorithmus bei Nebennierentumor
Schritt 1: Zufallsbefund oder klinischer Verdacht
- Inzidentalom oder symptomatische Präsentation
- Anamnese + körperliche Untersuchung
- Blutdruck, Herzfrequenz
Schritt 2: Ausschluss hormoneller Aktivität (immer obligat!)
Standard-Screening bei allen Patienten:
- Dexamethason-Hemmtest → Cortisol
- Metanephrine → Phäochromozytom
- Aldosteron-Renin-Quotient → bei Hypertonie / Hypokaliämie
Erweiterte Diagnostik bei Bedarf:
- Sexualhormone bei klinischem Verdacht oder Tumor > 4 cm
Schritt 3: Morphologische Charakterisierung
Primär: CT (mit/ohne KM)
- Größe bestimmen
- HU-Wert beurteilen
- Infiltration / Lymphknoten / Metastasen
Ergänzend: MRT
- Unklare Befunde
- Chemical-Shift zur Adenomdiagnostik
Schritt 4: Malignitätsrisiko abschätzen
Hinweise auf Benignität:
- < 10 HU
- kleiner Tumor (< 4–6 cm)
- homogener Befund
Hinweise auf Malignität:
· 20 HU
- Größe > 4–6 cm
- Inhomogenität
- Infiltration
- auffällige Lymphknoten
Schritt 5: Erweiterte Diagnostik bei Bedarf
- FDG-PET/CT → bei Malignitätsverdacht
- DOPA-PET → bei Phäochromozytom
- CT Thorax → Metastasensuche
- AVS → bei PHA zur Lateralisierung
Schritt 6: Sonderfälle
- Phäochromozytom: immer genetische Testung
- Biopsie: nur bei Metastasenverdacht und nach Ausschluss eines PC
Merkschema
„Jeder Nebennierentumor braucht zwei Antworten:“
- Ist er hormonaktiv?
- Ist er maligne oder potenziell maligne?
→ Daraus ergibt sich die Therapieentscheidung.