In den Leitlinien besteht Konsens, dass die meisten Nebennierentumoren (NN-Tumoren) bei gegebener Indikation s.u. minimal-invasiv operiert werden sollten. Tumordurchmesser > 6 cm und deutliche Hinweise auf Malignität in der präoperativen Bildgebung gelten als Grenzen der minimal-invasiven Chirurgie. Hinsichtlich der Tumorgröße wird vielfach von einer 6 cm-Regel ausgegangen, größere Tumore sollen konventionell-offen exstirpiert werden. Demgegenüber haben zahlreiche Untersuchungen gezeigt, dass auch bei großen Nebennierentumoren > 6 cm bei entsprechender Expertise sicher minimalinvasiv vorgegangen werden kann. Aufgrund fehlender Evidenz kann deshalb die 6 cm-Regel nicht als absolute Grenze angesehen werden. Dennoch wird generell bei großen Tumoren, insbesondere bei bildgebendem Malignitätsverdacht, die konventionelle Adrenalektomie empfohlen.
Als Zugangswege zur minimal-invasiven Adrenalektomie hat sich neben der transabdominellen Laparoskopie die Retroperitoneoskopie etabliert. Das grundlegende Prinzip der posterioren retroperitoneoskopischen Technik basiert auf der Bauchlagerung der Patientinnen und Patienten mit posteriorer Anlage der Trokarzugänge, wobei die Peritonealhöhle vollständig umgangen und das Risiko unbeabsichtigter viszeraler Verletzungen während der initialen Operationsphasen erheblich reduziert wird.
Der Wechsel von der anterioren zur posterioren Sicht kann mit mehreren Schwierigkeiten verbunden sein, die auf die veränderte anatomische Perspektive, den kleineren Arbeitsraum mit eingeschränktem Freiheitsgrad der unterhalb der Rippen eingeführten laparoskopischen Instrumente zurückzuführen sind.
Durch den direkten Zugang zur Nebenniere wird das Eröffnen der Peritonealhöhle sowie die Mobilisation benachbarter Organe vermieden. Daraus ergeben sich mehrere Vorteile, wie kürzere Operationszeiten, eine geringere operative Komplexität, weniger Blutverlust und postoperative Schmerzen sowie eine schnellere Erholung im Vergleich zum transperitonealen Zugang.
Bei beidseitigen Tumoren erlaubt der posteriore retroperitoneale Zugang aufgrund der besonderen Patientenlagerung eine simultane bilaterale Adrenalektomie, bei der zwei getrennte OP-Teams gleichzeitig an jeweils einer Seite operieren.
Auch für Patientinnen und Patienten mit vorangegangenen abdominalen Operationen bestehen Vorteile, da Verwachsungen im Bauchraum umgangen werden.
In folgenden Situationen ist eine Indikation zur minimal-invasiven Adrenalektomie gegeben:
- Endokrin-aktive Tumoren der Nebennierenrinde (Conn- oder Cushing-Adenome, Tumoren mit Sexualhormonsekretion)
- Conn-Syndrom (primärer Hyperaldosteronismus, PHA):
Die häufigste Ursache einer sekundären Hypertonie ist der primäre Hyperaldosteronismus.
Screening bei Inzidentalom und gleichzeitiger Hypertonie und/oder unklarer Hypokaliämie. Morphologisch kann eine Hyperplasie der Nebennieren oder ein oder mehrere Adenome vorliegen.
Bei einem unilateralen aldosteronproduzierenden Adenom oder einer unilateralen adrenalen Hyperplasie ist die unilaterale Adrenalektomie indiziert. Beim solitären Aldosteron-produzierenden Adenom kann auch eine partielle Entfernung der betroffenen Nebenniere vorgenommen werden.
Bei Patienten mit primärem Hyperaldosteronismus (PHA) und bilateralen Nebennierenveränderungen kann eine einseitige Adrenalektomie in Betracht gezogen werden, sofern das adrenale Venensampling (AVS; selektive Blutentnahme aus den Nebennierenvenen) eine eindeutige funktionelle Lateralisierung nachweist. Die Bedeutung der CXCR4-PET als nicht-invasive Alternative zum AVS muss jedoch erst durch weitere Studien validiert werden.
- Cushing-Syndrom (Hypercortisolismus)
Ein florides adrenales Cushing-Syndrom mit klassischen klinischen Stigmata stellt eine OP-Indikation dar.
Eine besondere Situation liegt bei der milden autonomen Cortisolsekretion (MACS) vor. Definitionsgemäß weisen Patienten und Patientinnen mit MACS keine klinischen Zeichen eines Cushing-Syndroms auf, jedoch einen pathologischen 1-mg-Dexamethason-Hemmtest.
Eine große, 2022 publizierte Studie zeigte, dass Patienten und Patientinnen mit autonomer Cortisolsekretion im Vergleich zu Personen mit hormoninaktivem Adenom eine erhöhte Gesamtmortalität aufweisen (Deutschbein et al., Lancet Diabetes & Endocrinology, 2022). Gemäß der überarbeiteten Inzidentalom-Leitlinie der European Society of Endocrinology aus dem Jahr 2023 sollte bei MACS grundsätzlich eine operative Therapie erwogen werden, insbesondere bei Vorliegen relevanter Komorbiditäten.
Vor einer möglichen operativen Entfernung des NN-Tumors muss die ACTH-Unabhängigkeit des Kortisolexzesses bestätigt werden, damit der Eingriff nicht fälschlicherweise erfolgt, obwohl die Ursache des Hormonexzesses beispielsweise hypophysär bedingt ist durch ein Adenom des Hypophysenvorderlappens (zentrales Cushing-Syndrom) oder paraneoplastisches Syndrom mit ektoper ACTH-Sekretion bei Tumorerkrankung.
- Conn-Syndrom (primärer Hyperaldosteronismus, PHA):
- Sexualhormon produzierende Nebennierenrindentumoren
Ein adrenokortikales Karzinom ist die häufigste Ursache für eine klinisch relevante, pathologische Androgen-/Östrogensekretion aus der Nebenniere, Adenome sind sehr selten.
- Nebennierenrindenkarzinom Adrenokortikales Karzinom (ACC) bis zum ENSAT-Stadium II
Link zu ENSAT-Klassifikation und Größe ≤ 6cm- Bei der Erstdiagnose fast immer > 4cm und weist in 50-80% eine endokrine Aktivität auf. Typisch ist eine Cortisolproduktion oder eine gemischt-hormonelle Produktion (Androgene/Östrogene und Cortisol).
- Beim Nebennierenrindenkarzinom ist die offene Adrenalektomie der Goldstandard. Bei Tumoren < 6 cm ohne Hinweis auf lokale oder Lymphknoteninfiltration (ENSAT Std. I+II) kann eine minimal-invasive Adrenalektomie erfolgen.
- Eine radikale Tumorresektion mit Entfernung der Nebenniere und des gesamten Fett-/Bindegewebes im betroffenen Kompartiment ohne Kapseleröffnung mit Lymphadenektomie, diese bei unsicherer Datenlage, wird empfohlen. Eine Definition hinsichtlich der Ausdehnung der erforderlichen Lymphadenektomie liegt bisher nicht vor.
- Bemerkung: Die Rate an lokalen und peritonealen Rezidiven ist in der laparoskopischen Gruppe laut aktueller Evidenz erhöht. Eine Konversion von laparoskopischer zu offener Adrenalektomie verschlechtert das Gesamtüberleben.
- Phäochromozytom (PC) Nebennierenmarktumor mit Katecholaminexzess
- Ca 1/3 aller Phäochromozytom-Patienten sind einem hereditären Tumorsyndrom zuzuordnen. Das genetische Screening ist unverzichtbarer Bestandteil der Phäochromozytom Diagnostik.
- Zu den familiären syndromalen Formen gehören die multiple endokrine Neoplasie Typ 2 (MEN 2), das von-Hippel-Lindau-Syndrom (VHL), die Neurofibromatose Typ 1 (NF1) und die Keimbahnmutationen der Succinat-Dehydrogenase-Untereinheit B und D (SDHB und SDHD).
- Sie unterscheiden sich von den sporadischen Formen durch Erkrankungsalter, Tumorlokalisation und ihr Risiko zur malignen Entartung.
- Syndromassoziierte hereditäre Phäochromozytome haben eine niedrigere Malignitätsrate als sporadische Tumoren, treten aber oft multifokal/bilateral auf.
- Eine wichtige Ausnahme sind die SDHB-assoziierten Tumoren mit besonders hohem Malignitäts- und Rezidivrisiko.
- Organerhaltende Resektionen sollten bei geeigneter Indikation (hereditäre Tumoren, bilaterale Befunde, junge Patienten) bevorzugt werden, sofern dies onkologisch sicher möglich ist, um eine postoperative Nebenniereninsuffizienz zu vermeiden und die Notwendigkeit einer lebenslangen Steroidabhängigkeit zu reduzieren.
- Insgesamt sind 10 % der PC maligne. Beweisend für ein malignes Phäochromozytom sind ausschließlich Metastasen.
- Inzidentalome
Ein Nebenniereninzidentalom ist eine zufällige, meist asymptomatische Raumforderung (RF) der Nebenniere, die nicht aufgrund eines klinischen Verdachts auf eine endokrine Erkrankung entdeckt wurde. Meist gilt eine Größe ab 1 cm im Durchmesser als relevanter Befund.
Aufgrund der möglichen Malignität und hormonellen Aktivität sollte jedes Nebenniereninzidentalom ab einer Größe von 1cm leitliniengerecht mittels biochemischer und radiologischer Methoden abgeklärt werden.
Neben der Größe muss die Wahrscheinlichkeit eines malignen Tumors erfasst werden. Hierzu empfiehlt die Leitlinie an erster Stelle eine Computertomographie (CT) ohne Kontrastmittel mit Bestimmung der Hounsfield-Einheiten (HU) zur Dichtemessung der Tumoren. Bei einer homogenen Raumforderung mit einer Dichte von ≤ 10 HU ist keine weitere Bildgebung erforderlich. Bei kleinen homogenen Tumoren bis 4 cm Durchmesser und HU zwischen 11 und 20 soll eine zusätzliche Bildgebung erfolgen, z. B.durch eine Magnetresonanztomographie (MRT) mit „chemical-shift“, eine CT mit „wash-out“, oder einer Fluordesoxyglukose-Positronenemissionstomographie (s.u. Diagnostik). Tumoren, die größer sind, heterogen oder mit HU > 20 müssen in einer interdisziplinären Besprechung diskutiert werden. Es sollte dann entweder eine zügige zusätzliche Bildgebung erfolgen bzw. eine Operation evaluiert werden. Sollte nach erweiterter Bildgebung und interdisziplinärer Besprechung keine Indikation zur Operation gestellt werden, wird eine Verlaufsbildgebung in 6 bis 12 Monaten empfohlen.
- Nebennierenmetastasen (von malignen Tumoren anderen Ursprungs) sollten entfernt werden, wenn keine weiteren Metastasen vorliegen und durch die Entfernung Tumorfreiheit erreicht wird. Die Metastasen-Adrenalektomie wird minimal-invasiv vorgenommen, sofern die Metastase in toto und ohne Tumorzellaussaat entfernt werden kann. Ein offenes Vorgehen bleibt den wenigen Fällen vorbehalten, bei denen es Hinweise für eine lokale Infiltration gibt, oder wenn die Metastase 6 cm überschreitet.
- Myelolipome/Nebennierenzysten stellen keine Operationsindikation dar. Der Tumordurchmesser ist prognostisch unbedeutend, da es sich um gutartige Tumoren handelt. Flankenschmerzen bedingt durch die Größe des Tumors oder eine Einblutung im Retroperitoneum können selten eine Operationsindikation darstellen.
Lymphknotendissektion
Bei vergrößerten Lymphknoten soll eine lokoregionäre Lymphadenektomie durchgeführt werden. Die Datenlage bzgl. einer periadrenalen/renal-hilären Lymphadenektomie ist unbefriedigend.