Von follikulären Epithelzellen ausgehende Schilddrüsenkarzinome
Differenzierte Schilddrüsenkarzinome
Das papilläre Schilddrüsencarcinom (PTC) ist das häufigste Schilddrüsenkarzinom in Deutschland. Das follikuläre Schilddrüsencarcinom (FTC) tritt am zweithäufigsten auf (5-15% aller Schilddrüsenmalignome), bevorzugt in Jodmangelgebieten. Frauen sind 5-mal häufiger betroffen als Männer. Das follikuläre Schilddrüsenkarzinom FTC ist ein Schilddrüsenmalignom, das von Follikelzellen ausgeht, die nicht die charakteristischen Kernkriterien des papillären Schilddrüsenkarzinoms zeigen. Die Tumoren sind üblicherweise gekapselt und zeigen im Gegensatz zum Adenom invasives Wachstum in Form eines vollständigen Kapseldurchbruchs. Der Erkrankungsgipfel liegt mit etwa 50 Jahren deutlich später als beim PTC. Im Vergleich zum PTC zeigt das FTC eine höhere Neigung zur hämatogenen Metastasierung, während das PTC typischerweise zunächst in die regionären Lymphknoten metastasiert.
Klinisch, prognostisch und therapeutisch müssen Schilddrüsenkarzinome mit hohem Risiko für eine multifokale, aggressive oder metastasierende Tumorbiologie von Tumoren mit niedrigem Risiko unterschieden werden. Niedrigrisiko-Tumoren können häufig mit einer Hemithyreoidektomie suffizient behandelt werden. Vorteile einer Thyreoidektomie sind komplette Histopathologie, Möglichkeit der Radiojodtherapie, Thyreoglobulin-Monitoring und bessere Prognoseabschätzung.
Papilläres Schilddrüsenkarzinom (PTC) jeglicher Größe mit Risikofaktoren
- BRAF-V600E-Mutation
- erhöhter Proliferationsindex (Ki-67-Index > 5%)
- Angioinvasion
- Größe > 2 cm
- Multifokalität oder bilaterale Tumoren
- extrathyreoidale Ausdehnung mitKapseldurchbruch
- Aggressive Subtypen des PTC (großzellige, diffus-sklerosierende, Kolumnarzell- und Hobnail-Variante).
- Nähe zu kritischen Strukturen (Trachea, N. recurrens)
- Tumordispositionssyndrom
- familiäre Vorbelastung
- Verdacht/Nachweis von Lymphknoten- und/oder Fernmetastasen (N1 und/oder M1)
- Z. n. Strahlenexposition
Follikuläres Karzinom (FTC) mit hohem Risiko
- Minimal-invasives Karzinom mit Angioinvasion ≥ 4 Gefäße)
- Breit invasiver Tumor
- onkozytäre Variante (Hürthle-Zell-Karzinom) mit häufig aggressiverem Verlauf
- Fernmetastasen (M1)
- extrathyreoidale Ausdehnung
- Größe ≥ 4 cm
- Multifokalität
- Lymphknotenmetastasen (N1)
Bemerkungen: Bei einem organkapselüberschreitendem T4a Tumor sollte grundsätzlich eine Zervikoviszeralresektion in Erwägung gezogen werden. Die Indikation zur totalen Thyreoidektomie besteht auch für differenzierte Schilddrüsenkarzinome mit Fernmetastasierung, insbesondere um eine postoperative Radiojod-Therapie zu ermöglichen.
Gering differenziertes Schilddrüsenkarzinom (PDTC, poorly differentiated thyroid carcinoma)
- erstmals 2004 durch die WHO als eigenständige Entität definiert, die prognostisch zwischen den differenzierten und undifferenzierten Karzinomen stehen. Auch bei einer Fernmetastasierung soll eine komplette Tumorresektion mit totaler Thyreoidektomie und postoperativer Radiojod-Therapie durchgeführt werden. Dabei ist die Radioiod-Aufnahme oft eingeschränkt.
Undifferenziertes (anaplastische) Karzinome (UTC) (T4a N0/1 M0/1)
- Falls resektabel Thyreoidektomie als radikale Tumorresektion bei bilateralem Befall plus multimodale Therapie LINK TNM
Medulläres Schilddrüsencarcinom
- Das medulläre Schilddrüsenkarzinom („medullary thyroid carcinoma“, MTC) betrifft ca. 5 % aller Schilddrüsenkarzinome und ist durch einige Besonderheiten gekennzeichnet: Die deutlich häufigeren, differenzierten Schilddrüsenkarzinome (DTC) gehen von den Schilddrüsenhormon-produzierenden Zellen selbst aus und nehmen daher Jod auf. Dagegen leitet sich das MTC von den Calcitonin-produzierenden C-Zellen ab. Diese liegen zwischen den Hohlraumstrukturen des Schilddrüsengewebes und nehmen kein Jod auf. Damit entfällt auch die Möglichkeit einer klassischen Radiojodtherapie.
- Das MTC sezerniert Calcitonin (Ctn) und Carcinoembryonales Antigen (CEA). Es kann nur durch eine Operation geheilt werden. In ca. 75% kommt es sporadisch und in ca. 25 % hereditär meist im Rahmen der multiplen endokrinen Neoplasie Typ 2 (MEN2) in Assoziation mit Phäochromozytomen und/ oder primärem Hyperparathyreoidismus vor. Bei MEN2-Verdacht soll vor der Operation zum Ausschluss bzw. Nachweis eines Phäochromozytoms oder Hyperparathyreoidismus eine entsprechende Diagnostik (Plasma-, Urin-Metanephrine, Serumkalzium, Parathormon) durchgeführt werden.
- Bei biochemisch nachgewiesenem MTC (bei Frauen ab 30 pg/ml, bei Männern ab 60 pg/ml Calcitonin) wird eine totale Thyreoidektomie empfohlen, da auch 10% der sporadischen MTCs multifokal (bilateral) auftreten.
- Totale Thyreoidektomie + bilaterale zentrale (Level VI) Lymphknotendissektion ist Standard, da das MTC frühzeitig in lokoregionäre Lymphknoten metastasiert.
- Prospektive Daten der Arbeitsgruppe Machens/Dralle (Halle/Saale) zeigen eine kontinuierliche, nahezu linear ansteigende Korrelation zwischen dem präoperativen basalen Calcitoninwert und der Wahrscheinlichkeit zervikaler Lymphknotenmetastasen beim medullären Schilddrüsenkarzinom. Die Metastasierung folgt dabei einem typischen, anatomisch sequenziellen Ausbreitungsmuster: zunächst in das zentrale Kompartiment (Level VI), anschließend in das ipsilaterale laterale Kompartiment (Level II–V), danach in das kontralaterale Kompartiment und schließlich in das obere Mediastinum.
Oberhalb eines basalen Calcitoninwertes von etwa 200 pg/ml überschreitet die Prävalenz kontralateraler laterozervikaler Lymphknotenmetastasen in der publizierten Kohorte die Schwelle von rund 20 %. Diese Prävalenz wird als chirurgisch relevant eingestuft, weil sie das Risiko verbleibender okkulter Metastasen bei alleiniger ipsilateraler Dissektion deutlich erhöht und damit die Wahrscheinlichkeit eines persistierenden oder rezidivierenden Calcitoninanstiegs nach Erstoperation steigt.
Auf dieser Datenbasis empfiehlt die deutsche S3-Leitlinie Schilddrüsenkarzinom 2025 ab einem basalen Calcitonin > 200 pg/ml die prophylaktische bilaterale laterale Kompartmentdissektion (Level II–V beidseits) – unabhängig vom sonographischen Befund. Begründet wird dies durch das hohe Risiko subklinischer kontralateraler Metastasen, die durch konventionelle Bildgebung nicht zuverlässig detektiert werden, sowie durch die deutlich höhere Morbidität und niedrigere Kurationsrate sekundärer Eingriffe im voroperierten Halsbereich.
Bemerkung: In den internationalen Leitlinien wird die prophylaktische laterale Dissektion nicht an feste Calcitonin-Cutoffs gekoppelt, sondern prinzipiell im Zusammenhang mit bildgebenden und intraoperativen Befunden bewertet. - Bei V.a. MTC im Rahmen der MEN2 soll eine Keimbahnanalyse des RET-Gens durchgeführt werden. Der molekulargenetische Nachweis einer aktivierenden pathogenen Keimbahn-Variante des RET-Gens ist beweisend für ein MEN2 Syndrom. Alle Betroffenen mit MTC sollten eine genetische Beratung erhalten.
- Postoperativer Zufallsbefund nach nicht totaler Thyreoidektomie: keine Nach-OP wenn Calcitonin unterhalb der Nachweisgrenze.
Lymphknotendissektion
- Bei nodal-positiven SD-Karzinomen stellt die totale Thyreoidektomie mit Dissektion der ersten LK-Station im sog. zentralen Kompartment (Level VI) das Verfahren der Wahl dar.
- Eine prophylaktische LK-Dissektion wird außer beim MTC (s.o.) in der Regel nicht routinemäßig empfohlen, sondern nur bei höherem Risiko oder klinischem/intraoperativem Verdacht. Die Entscheidung erfolgt individuell und sollte im interdisziplinären Tumorboard oder nach Leitlinie getroffen werden.
- Das zentrale Kompartment umfasst den anatomischen Raum zwischen den Karotiden beider Seiten als lateraler Begrenzung, dem Zungenbein kranial und der V. brachiocephalica kaudal.
- Die organbezogenen Bestandteile des zentralen Halsbereichs sind die beiden Schilddrüsenlappen, die kurze gerade Halsmukulatur (M. sternohyoideus, M. sternothyreoideus) und die zentralen LK (prä- und paratracheal, prälaryngeal).
- Die ipsilaterale laterale Dissektion umfasst standardmäßig Level II, III, IV, Vb (Level Va meist nicht).
- N. accessorius, N. phrenicus, V. jugularis interna, A. carotis und – beim linken Eingriff – Ductus thoracicus sind die anatomischen Strukturen, die geschützt werden müssen.
- Die Lymphknotenentfernung sollte systematisch und kompartimentweise durchgeführt werden („berry picking" wird nicht empfohlen, da die Rezidivrate sonst hoch ist).
Die Operationsindikation basiert im dargestellten Fall auf einem zufällig detektierten malignitätsverdächtigen Knoten der linken Schilddrüse mit einem hoch zervikal links ca.1 cm großen suspekten Lymphknoten.
Unter dem Verdacht eines papillären Schilddrüsenkarzinoms entschied man sich für eine Hemithyreoidektomie links und Entfernung des suspekten Lymphknotens mit intraoperativer Gefrierschnitt- Untersuchung im ersten Schritt. Je nach Ergebnis sollte der Eingriff zur Thyreoidektomie mit ggf. zentraler und lateraler Lymphknotendissektion erweitert werden.
In der Anamnese ist auffällig, dass es in der Familie zu vermehrtem Auftreten von Karzinomen kam, sodass hier möglicherweise eine syndromale Erkrankung vorliegen könnte.